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Der große Blöff: das war die Drupa 2012 - Eine Bilanz mit Schattenseiten
Sie waren auf der Drupa? Was waren Ihre Eindrücke? Unsere ganz persönlichen haben wir in einem umfangreichen Bericht im aktuellen Heft niedergeschrieben. Aber erwarten Sie nicht den sonst üblichen Schmonzes. Wir berichten was wirklich Sache war!
Eigentlich ging man in diesem Jahr mit geringen Erwartungen nach Düssel­dorf. Die Wirtschaft läuft immer noch nicht so richtig an, einer der großen Drei der Druckmaschinenhersteller legte wenige Monate vor dem Messehighlight eine saftige Pleite hin, den anderen beiden ging es auch nicht blendend. Also was hat man sich erwar­tet? Digital, digital, digital… stand im Vorfeld im Fokus – zumindest wenn man sich die Vor­ankündigungen der Aussteller betrachtete. Natürlich, viel digital – aber anders als so manche dachten...

Aber bereits am Tag vor Messebeginn gab´s für die Fachpresse ein erstes Highlight. Der Star der Drupa 2012 bat zur Pressekonferenz. Benny Landa was back. Und mit ihm die Zu­kunft und Überlebenschance des Drucks, meinte man. So zumindest begeisterte der Messias der schwarzen Kunst die mehr als 200 internationalen Journalisten, die Landa bereits vor seiner Vorstellung der Zukunfts­hoffnung „Nanographie“ heftigst applau­dierten.

Beim nachfolgenden großen Pressetreff der Heidelberger, strategische Partner von Lan­da, gelang es dem Chronisten sogar, selbi­gem die Hand zu schütteln und ein paar Sätze zu wechseln. Es war die letzte Gelegenheit, denn jede weitere Show von B.L. war von Stund an „ausverkauft“.

Gas gaben aber an diesem Pressetag vor Dru­pab­eginn neben Heidelberg und seinem stra­tegischen Partner auch die von allen Seiten (nicht zuletzt auch von einigen Kollegen der Fachpresse) tot geredeten Manroländer. Manroland web systems gab ein heftiges Le­benszeichen von sich und Manroland sheet­fed stemmt sich offensichtlich mit aller Vehe­menz gegen den asiatischen Produzen­ten- Einfluss. Also doch nicht alles digital.

Die Messe konnte beginnen. Überraschend wenige Besucher an den ersten Tagen. Ausnahme: Der KBA Stand. Eine Show jagte die andere. Jürgen Veil, Marketingverantwortli­cher für den Bogenbereich und Chef- Präsen­tations- Entertainer, war wohl einer der meist beschäftigten Mitarbeiter. So ein Zigaretterl zwischendurch vor der Hallentür, gemein­sam mit seinem Chef, Klaus Schmidt... Wo­bei man sich dabei nicht vom Vorstandsvor­sitzenden erwischen lassen sollte. Denn be­rechtigt macht sich Claus Bolza Schüne­mann so seine Sorgen, sind die beiden ja ge­rade erst nach massiven Herzproblemen nochmals davon gekommen. Höchste Absti­nenz und viel Ruhe wäre anzuraten!

Apropos Besucherströme: Der Name Drupa kommt von Druck und PAPIER. Die Papier­hersteller waren wieder in das oberen Ge­schoß der Halle 7 verbannt und kaum ein Be­sucher nahm Notiz von ihnen. Da stellt sich die Frage, ob sie nur falsch platziert waren oder ob ein zu bedruckendes Medium kei­nen mehr schert? Oder liegt´s daran, dass tra­ditionell die Papierhersteller so abgehoben agierten, dass kein Gefühl der Kundennähe und Branchenzugehörigkeit aufkommen konnte? Also doch der richtige Platz da oben?

Mehr als 20 Prozent weniger Besucher waren diesmal in Düsseldorf. Das lag aber nicht nur an der allgemeinen wirtschaftlichen Lage. Firmeninhaber, die früher noch ihre Mitar­beiter mit Betriebsausflügen ins Ruhrgebiet belohnt hatten, stöhnen mittlerweile unter der finanziellen Belastung einer solchen Rei­se. Die Hotelpreise gerieten wieder einmal außer Kontrolle (obwohl das Sheraton Essen – 30 km entfernt- mit seinen Zimmerpreisen von 700 + Euro nicht durchkam und dann das „Schnäppchen“ von 450 Euro anbot), im Hil­ton Düsseldorf, keine zwei Kilometer von der Messe weg, bekam man dann sogar Zimmer um 290 Euro. Weil Efi sein Kontingent stor­nierte und statt dessen auf ein billigeres Ho­telschiff auswich.

Enttäuscht waren wohl auch die Kneipenwir­te in der Düsseldorfer Altstadt. Wann konnte man zu Drupa-Zeiten ohne längeres Warten in den Straßencafés und Fast-Food Terassen der Bolker Straße einen Tisch bekommen? Oder wann waren jemals die Bars meist halb­leer? Klar, wer 50 Kilometer entfernt von Düs­seldorf wohnt weil er den Hotel-Preiswucher nicht mitmachen will – oder kann – der gibt auch abends sein Geld woanders aus. Auch Oberhausen, Köln oder gar Venlo haben net­te Wirtshäuser!

Natürlich drückten auch die Eintrittspreise bei den Besuchern aufs Budget. Warum man sich nicht zu einem publikumsoffenen Sonn­tag – den einige namhafte Austeller verlang­ten – durchringen kann, ließ sich nicht eruie­ren.
Gerüchteweise war es Heidelberg-Boss Bernhard Schreier himself, der das scheitern ließ. Am Ende hieß es dann aber doch von den Ausstellern: „Weniger Besucher am Stand aber die Qualität war hervorragend. Die Entscheidungsträger waren auch kauf­willig!“ Allgemein war man mit den Geschäf­ten tatsächlich hoch zufrieden.

Vor allen Dingen durch die hohe Anzahl der chinesischen Besucher, die diesmal offen­sichtlich nicht nur zur Orientierung zwecks Ankurbelung der eigenen Produktion auch richtig auf Einkaufstour waren. Bernhard Schreier von Heidelberg konnte bereits zur Drupa-Halbzeit vermelden, dass China an der Spitze der Verkaufserfolge stand. Und auch bei KBA war es so.

Wo viele Leute zusammenkommen, da wird auch getratscht. Unter anderem, dass Hei­delberg (wieder einmal) kurz vor dem Kon­kurs stünde, und dass der neue Eigner von Manroland websystems, Anthony Langley, bereits an die Chinesen verkauft hätte – weil so viele Asiaten sich bei Manroland die Boge­noffset­ Technologie aus Offenbach an­schauten. Wobei, da könnte ja doch was dran sein...

Und auch Manuel Mataré, der Drupa-Messe­direktor, war an dem Entstehen der einen oder anderen Spekulation beteiligt. So etwa, weil er sich mit Trevor Crawford, dem Direk­tor der IPEX (die Druckmesse 2014 in Eng­land), bei deren offiziellem Launch für ein Foto traf. Nein, die Messe Düsseldorf werde die IPEX nicht übernehmen, dementierte er ein noch gar nicht verbreitetes Gerücht.

Zu dem Gemunkel trugen auch die Ausstel­ler selbst bei. Denn: spekuliert wird dort, wo nichts Konkretes vorliegt. Und gerade bei manchem Neueinsteiger in den Digital­druck gab es viel zum Nachdenken. Ein hal­bes Dutzend Firmen zeigten Technologie­studien von Inkjet-Websystemen. Ob die alle tatsächlich Marktreife erlangen wer­den?

Entsprechend groß denn auch die Geheim­nistuerei bei manchen Unternehmen. Der japanische Hersteller Miyakoshi, Digital­druck- Technologie-Zulieferer unter ande­rem von Océ und Ryobi, zeigte zwei Ink­jet- Digitaldrucksysteme, eines Bogen, eines Rolle – von der Ferne. Auf maximal 2 Meter konnte man sich den Dingern nähern. Ja, ge­druckte wurde etwas, Druckmuster gab´s keine, alles was aus der Machine raus kam wurde gleich wieder ins Kabäuschen dahin­ter verfrachtet. Nur hinter einem Plexiglas­kasten konnte man etwas betrachten. Wer sagt, dass das nicht auf einer Speedmaster gedruckt war?

Ähnlich zugeknöpft auch Komori mit sei­nem Protoypen einer digitalen Inkjet-Rotati­on. Auch hier keine Druckmuster zur Begut­achtung. Da glaubte wohl selbst die Marke­tinglady nicht an das Produkt, Nachfragen von Journalisten waren es ihr nicht wert, da­für ihre kostbare Zeit zu opfern.

Überraschung andererseits bei Wifag. Bei der letzten IfraExpo in Wien vergangenen Herbst hatte der wiederauferstandene Schweizer Zeitungs-Rotationsmaschinen­hersteller eine eigens entwickelte Inkjet-Ro­tation angekündigt, die dann auf der Drupa live zu sehen sein sollte. Nichts. Statt dessen „nur” ein – wenn auch beeindruckendes – „normales” Virtu-Quantum Großformat­Drucksystem.

Viel mehr Mut hat da schon KBA bewiesen, dass sie ihre neue RotaJet live auf der Drupa präsentierte. Erst im November hatte man in Würzburg mit der Entwicklung begonnen. Beachtlich, dass man darauf sogar täglich eine KBA-Standzeitung produzierte.

Der größte Blöff blieb aber für Benny Landa reserviert. So sehr er auch in einer Vor-Dru­pa- Pressekonferenz die Journaille beein­druckte, nach zweimaligem Nachdenken blieb aber nicht viel von dem Hype übrig (siehe auch unseren Bericht auf Seite 58). Eine einzige der ausgestellten Maschinen druckte auch etwas. Aber ebenfalls nicht für das normalsterbliche Auge bestimmt. Auf den anderen Maschinen lief weißes Papier durch – unbedruckt!

In Summe kein Blöff sind die vielen B2-for­matigen Digitaldrucksysteme, die kurz vor der Drupa aus dem Technologie-Boden ge­schossen sind. 16 verschiedene Systeme ha­ben wir gezählt. Wenn auch einige noch nicht für den täglichen Einsatz geeignet sind, das größere Format bei den Produktionsma­schinen lässt machen Offsetmaschinenher­steller alt aussehen.

Apropos aussehen: Viele der neuen Systeme sehen mittlerweile tatsächlich so aus wie klassische Offsetmaschinen. Das hat natür­lich auch damit zu tun, dass sich die Heavy Metal- Hersteller zusehend auch dieser neu­en Technologie besinnen. Und damit aber auch das Argument gegen den Digitaldruck obsolet wird, dass damit keine industrielle Produktion möglich wäre, da diese filgira­nen „Plastikmaschinen” wegen mechani­scher Gebrechen mehr stünden als produ­zierten.

Ein Druckmaschinenbauer, Ryobi aus Ja­pan, ist einer der „Hauptschuldigen“, dass sich die neuen Digitalsysteme so ähnlich se­hen. Denn viele der neu gezeigten Systeme basieren auf der Maschinen-Hardware von Ryobi. Miyakoshi, Fujifilm, um nur einige zu nennen. Klassische Drucktürme, Inkjetköp­fe drauf – und fertig (na ja, nicht ganz – aber fast!). Sogar Kodak baut mit Ryobi an einer Hybridmaschine.

Bei all dem Digitaldruck-Hype soll aber ei­nes nicht übersehen werden. Die Drupa war KEINE Digitaldruck-Drupa. Vielmehr war sie eine der Veredelung, der Weiter- und Endverarbeitung. Drucken kann heute je­der, egal ob klassisch oder digital. Gedruck­tes wird erst dann zum Gebrauchs- ( oder Lu­xus) Artikel, wenn es bearbeitet wird. So wa­ren denn auch gut 30 Prozent der Drupa-Ex­ponate aus diesen Bereichen. Wirklich ver­blüffend, was heute inline alles hergestellt werden kann.

Natürlich, dass sich die Maschinenherstel­ler denn auch nicht mehr – mit dem immer noch hungerleidenden – graphischen Be­reich abgeben können. Alle wollen in den Verpackungsbereich, den Verpackungsher­stellern etwas verkaufen. Als ob die vorher nicht auch schon etwas produziert hätten. Wer soll das alles kaufen? Wenn das nicht eine Sackgasse wird…

Noch ein paar Anmerkungen zu den Stän­den selbst. Eindeutig: es wurde gespart. Mit einigen Ausnahmen hat man sich bei der Standarchitektur auf das Wesentlichste re­duziert. Nur mehr einige Stände mit mehr­stöckigen Hochbauten. Technologie und Maschinen ersetzten Schnick-Schnack.

Was aber gerade in den Hallen 8 a und 8 b, dort wo sich die Ex-IT und nunmehr Digital­druck- Multis ansammelten, zu sehen war – tatsächlich beeindruckend. Die beste Show zweifelsohne Xerox, ästhetisch am schön­sten ganz in weiß Konica Minolta. Am we­nigsten Technologie eindeutig bei Ricoh, ein so gut wie leerer Stand; am meisten Besucher bei HP mit dem zweitgrößten Messestand – aber in Halle 4.

Noch eine Anmerkung zu HP: Wohl das be­ste Beispiel dafür, dass Masse nicht Klasse bedeuten muss. Eindeutig zu viele Expona­te, eindeutig zu viele Anwendungen, ein­deutig zu viele Leute am Stand.

Was noch auffiel: Wo war das vielgerühmte Drupa-Wetter? Die Leidtragenden des teil­weise kühlen und regnerischen Wetters wa­ren diesmal wohl die Gastrobetriebe im Freigelände.
Gott sei Dank gab’s diesmal keine Fußball WM und man musste um keinen Platz beim Public-Viewing kämpfen. Das Platzangebot beim deutschen Pokalendspiel während der, wie immer hervorragend ausgerichte­ten, Drupa-Night war ausreichend. Nicht zuletzt deshalb, weil das Sportereignis mit dem Auftritt der alten Herrn des Electric Light Orchestra ernstzunehmende Konkur­renz hatte.

Jedenfalls, der Glorienschein der Drupa war schon einmal heller, erste Kratzer zeigen sich. Und schon kommen die ersten Stim­men, die die Messe verkürzen wollen und auch mit Düsseldorf nicht mehr zufrieden sind. Und ganz ferne im Hintergrund tönt auch schon etwas von Überheblichkeit und Arroganz. Wo gibt´s das sonst, dass ein Mes­severanstalter zusätzlich zu den bereits im voraus kassierten Messekosten, das ur­sprünglich zur Anmeldung verlangte 20 prozentige Downpayment für allfällige Nachverrechnungen einbehält, als zusätzli­ches Gratis-Zwangsdarlehen quasi. Und sich dann mit der Rückzahlung nach der Messe wochenlang Zeit lässt?

Wie war das mit dem Hochmut und dem Fall?

Übrigens … die nächste Drupa soll vom 2. bis 15. Juni 2016, wieder 14 Tage lang, statt­finden. Schaun ma mal...

Soweit unsere wichtigsten persönlichen Ein­drücke. Technologie-News der Aussteller le­sen Sie in der aktuellen Ausgabe (siehe Link links) in den jeweiligen Rubriken.

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